Liebe UnterstützerInnen der Winterwärme-Initiative zur Unterstützung der Ukraine,
im Herbst 2023 haben Oxana, Olha und ich diese Initiative konzipiert. Wir haben uns gewünscht, dass es nicht nur bei reinen Geldzahlungen bleibt. Wir wollten einen Austauschkanal zwischen den Menschen in der Ukraine und den Menschen in Deutschland in beide Richtungen aufbauen. Unsere derzeit 28 Familien bekommen monatlich eine finanzielle Unterstützung und erzählen uns von ihren Geschichten. Wir aus Deutschland verbreiten diese und besuchen die Familien in Czernowitz ab und an. Ende Mai 2026 hatten wir nun unseren dritten Besuch in diesem Format. Oxana und ich konnten im Herbst 2023 nicht ahnen, dass dieser brutale russische Angriffskrieg so lange dauern wird, aber auch nicht, dass mehrere Leute von der deutschen Unterstützergruppe bereits zum dritten Mal mitkommen würden. Denn dies war das Besondere an unserem diesjährigen Besuch. Der Austausch war vertraut und intensiv, da die Geschichten bekannt waren. Freundschaften sind entstanden, manche sind auch das Jahr über im Austausch miteinander geblieben. Es fühlte sich für beide Seiten wie ein schönes Familientreffen an – das haben sehr viele mehrfach betont. In diesem Jahr hatten wir das große Glück, Germanistik-Studentinnen als Dolmetscherinnen an unserer Seite zu haben – die meisten selbst Binnengeflüchtete aus den umkämpften oder besetzten Gebieten der Ukraine. Damit konnte der Austausch zwischen uns und den ukrainischen Familien noch intensiver als in den Jahren zuvor stattfinden.
Was nehmen wir mit und können mit Euch anderen UnterstützerInnen teilen? Der letzte Winter war der bisher härteste. Manche wollten gar nicht über ihre Zeit im Winter sprechen. Andere waren stolz, dem russischen Kalkül, die ukrainische Zivilgesellschaft würde in der Winterkälte den Mut verlieren, widerstanden zu haben. Es gab wenig Strom und selten ein wenig Wärme in den Wohnungen. Diejenigen in den Dörfern konnten sich manchmal mit Holzöfen vor der Eiseskälte retten. Die Grundstimmung war aber jetzt im Mai: Schlimmer wird es ab jetzt hoffentlich nicht mehr kommen. Man sieht die Erfolge der eigenen Drohnenpiloten und einigen macht es Mut. Die allermeisten unserer binnengeflüchteten Familien haben weiterhin den festen Wunsch, in ihre Heimatorte, die derzeit von Russland besetzt sind, zurück zu kehren und dort in einer freien Ukraine zu leben. Sie vermissen ihr Zuhause schmerzhaft. Andere haben die neue Heimat Czernowitz in der Bukowina lieb gewonnen und sind dabei, sich dort eine neue Existenz aufzubauen.
Wir haben bei diesem Besuch 2026 den Schwerpunkt auf den Besuch der Kleinstprojekte gelegt, die von “unseren” Familien gestartet wurden. Vitalii trainiert als Box-Trainer Kinder und Jugendliche (siehe Gruppenbild). Boxen ist gerade für binnengeflüchtete Kinder auch Therapie. Olena kocht für kriegsversehrte Soldaten. “Ganz Czernowitz ist wie ein Rehalbilitationszentrum”, haben wir gehört. Die erste Stufe des Luftalarms ist zwar auch in Czernowitz zu hören, wenn das ganze Land vor russischen Bombern gewarnt wird, bislang gab es in der Stadt aber nur einen Einschlag (im Juli 2025). Anna und Anzhela weben weiter in ihrem Frauenkollektiv Tarnnetze für “unsere Jungs” an der Front.
Von Anzhela (Geschichte Nr 31) möchte ich euch noch erzählen. Wir haben sie im letzten Sommer ins Programm aufgenommen, nachdem wir sie beim letzten Besuch in der Tarnnetzwerkstatt getroffen haben. Die Leiterin Anna hat uns von ihrem Schicksal erzählt. Ihr einziger Sohn ist im Sommer 2022 bei Mykolajiw gefallen. 40 Tage nach dem Tod des Sohns starb auch ihr Mann an einem Herzinfarkt.
Anzhela schreibt in ihrem Bericht: “Und ich fühlte mich wie ein Vogel, dem die Flügel gestutzt wurden. Ich werde nie wieder fliegen können, aber solange ich lebe, werde ich kämpfen! Seit drei Jahren flechte ich Tarnnetze für unsere Soldaten, zusammen mit denen, die ebenfalls verloren haben, die alles ohne Worte verstehen. Mit jedem Streifen flechte ich Schutz und Liebe ein. In der Hoffnung, Leben zu retten!”
Anzhela saß beim ersten Treffen 2025 still mit den Haaren vorm Gesicht am Tarnnetz und arbeitete sehr leise, ohne gesehen werden zu wollen. Es sah aus, als wolle sie ihre Trauer in das Netz weben. Von Anna bekam ich im letzten Jahr den Hinweis, sie besser nicht anzusprechen. Sie sei nur selten in der Lage, mit anderen zu sprechen. Seit August 2025 trifft sie jeden Monat unsere Koordinatorin und Psychologin Olha, um die finanzielle Unterstützung zu erhalten. Ich habe mich gefreut, sie hin und wieder auf den monatlichen Gruppenbildern zu sehen.
Jetzt im Mai 2026 habe ich mich getraut, Anzhela vorsichtig anzusprechen. Ich habe ihr von meiner Freude erzählt, sie auf den Fotos zu sehen, die Olha regelmäßig von den Familien in unsere UnterstützerInnen-WhatsApp-Gruppe stellt. Da sprudelte es quasi aus ihr heraus. Sie habe neben Olha schon gute Menschen in diesem Programm kennengelernt. Sie war dankbar, angesprochen zu werden und erzählen zu können. Das ganze Jahr hat sie sich gefragt, wer diese Menschen aus Deutschland wohl sind, die ihr beistehen. Sie hat auch wieder Kraft gefunden, andere zu sich einzuladen. Noch immer steht sie in Kontakt mit den Soldaten, die dabei waren, als ihr Sohn Yurka gefallen ist. Sie lädt sie zum Essen ein, hilft ihnen mit Dingen, die sie brauchen. Yurka sagte ihr immer: das sind nicht meine Kameraden, das sind meine Brüder. Und für Anzhela bedeutet dies: wenn es Yurkas Brüder sind, dann sind es auch meine Söhne. Anzhela erzählte uns, dass Yurka nie aufgegeben hat und nie aufgeben wollte. Diese Lebensphilosophie lebt sie heute für ihren Sohn weiter – trotz des unbeschreiblichen Schmerzes.
Ich möchte euch diese Geschichte von Anzhela auch deshalb erzählen, weil ich denke, dass sie beispielhaft ist für die beeindruckende ukrainische Zivilgesellschaft. In Zeiten des unbeschreiblichen Schmerzes rückt man zusammen, erweitert so wie Anzhela den Wir-Begriff von Familie und die eigene Verantwortung. Manche Militärexperten, die der Ukraine 2022 nur ein paar Wochen Widerstand zugetraut haben, wundern sich über die enorme Resilienz im Kampf gegen die grausamen Ungerechtigkeiten aus dem Kreml. Wir haben mit Vitali, Anna, Anzhela, Olena das “Heer der Millionen” kennengelernt und wundern uns nicht. Ihr Widerstandswillen scheint ungebrochen – auch wenn alle sehr müde und erschöpft sind und sich nichts sehnlicher als Frieden wünschen. Sie alle haben Dinge erlebt, die kein Mensch erleben sollte. Sie alle werden ein lebenlang mit diesen Erfahrungen leben müssen. Umso wichtiger ist es, in all dem Schrecklichen auch immer wieder die Erfahrung zu machen, dass es Menschen gibt, die da sind, die nicht wegschauen. Bei unserer Abreise waren wir deshalb sehr dankbar, dass unsere Spenden und mehr noch unser Besuch vor Ort als genau das empfunden wird, was es ist: ehrliche gelebte Solidarität im Konkreten.
Wir möchten diese Unterstützung genauso weiterführen und freuen uns über jede Spende und jede Person, die im nächsten Jahr Teil dieser Zwischenmenschlichkeit werden und uns nach Czernowitz begleiten möchte.
Bilder:








8 – das Highlight unserer Besuche ist der Gemeinschaftsabend, hier mit 20 Familien und 12 UnterstützerInnen aus Deutschland und kleinen gegenseitigen Geschenkchen
